Was wissen wir über das Lernen?



Sich diese Frage zu stellen, führt uns als Personalentwickler, Trainer, Prozessbegleiter, Ausbilder, Dozent oder Seminardesigner wieder zurück zu den Grundlagen. Wenn wir wissen, wie Menschen am besten und nachhaltigsten lernen, können wir unser „Lehren” daran ausrichten und messen.

Das Wissen zum Thema Lernen, aus dem wir schöpfen können, ist umfangreich und teilweise Jahrhunderte alt. Es reicht von Konfuzius und Aristoteles, über Galilei, Comenius und Pestalozzi bis zu den psychologischen Lerntheorien der letzten Jahrzehnte. Und manche dieser Erkenntnisse, die bislang als „spekulativ” galten, werden jetzt von den Neurowissenschaften belegt. Wenn Galilei sagt: „Man kann Menschen nicht lehren; wir können ihnen nur helfen, es in sich selbst zu entdecken”, ist das nichts anderes als Prof. Spitzers Bemerkung: „Vermitteln kann man eine Mietwohnung oder vielleicht sogar eine Heirat. „Stoff” jedenfalls kann man nicht vermitteln.”

Lernen: Worüber sprechen wir da?

Ich definiere Lernen als einen Prozess, der zu einer Veränderung auf der Ebene des Wissens, Könnens, der Einstellung (oder mehreren Ebenen gleichzeitig) führt und das Ergebnis von Erleben/Erfahrung ist. Sobald aber beim Lerner ein innerer Paradigmenwechsel stattfindet, also eine grundlegende innere qualitative Veränderung in der Sichtweise, Beurteilung und Bedeutung seiner selbst oder eines Zusammenhanges, ist dieser Wandel transformatorisches Lernen.

Optimales Lernen beruht auf dem Zusammenspiel einer Vielzahl von Faktoren, die alle miteinander verwoben sind und sich gegenseitig beeinflussen und verstärken können. Die folgende Trennung in Faktoren ist daher absolut künstlich und soll nur dem einfacheren Verstehen dienen.

Faktor 1: Motivation

Menschen sind von Natur aus motiviert: Sie interessieren sich für Neues, Interessantes und Bedeutungsvolles. Wenn Menschen merken, dass sie persönlich von etwas profitieren, dass sie damit ihren Zielen und Sehnsüchten näher kommen, wenn sie neugierig werden und eine Antwort, Erklärung oder Hilfe finden wollen, kurz gesagt: wenn sie motiviert und emotional beteiligt sind, geht das Lernen (und Behalten) fast wie von selbst. Und wenn sich dann umgehend kleine Erfolge einstellen, steigt die Motivation weiter an.

Faktor 2: Aufmerksamkeit

Je wacher und fokussierter, je aufmerksamer wir sind, desto besser können wir Neues aufnehmen und auch behalten. Aufmerksamkeit sorgt dafür, dass genügend Aktivität im Hirnbereich stattfindet - und das ist die Voraussetzung für die Veränderung von Synapsenstärken, was wiederum Lernen im neurobiologischen Sinne ist. Werden alle Sinne gefordert, ist die Aktivierung im Gehirn am größten.

Faktor 3: Guter Zustand

Lernen unter Angst und Stress ist ein negativer Lernkontext: Der Mandelkern im Gehirn bereitet den Körper auf eine Stressreaktion (Flucht oder Abwehr) vor: Der Puls, Blutdruck und die Muskelspannung werden gesteigert. Das Fähigkeit, klar zu denken und sich zu erinnern, reduziert sich. Die Kreativität ist gehemmt.

Wenn wir hingegen in physischer, mentaler und psychischer Hinsicht gut drauf sind, uns auf etwas freuen, interessiert und gespannt sind, erleben wir die Voraussetzungen für kreatives Denken, das Lösen von Problemen und für langfristiges Behalten. In diesem Zustand erzeugen wir im Gehirn Neurotransmitter (Glückshormone), die über den Hippokampus im Gehirn das Tor zum Langzeitgedächtnis öffnen.

Faktor 4: Einstellung und Glaube

Zwei wichtige Programme im Gehirn – allen Wahrnehmungen sofort eine Bedeutung zu geben (Interpretation) und immer nach Regel zu suchen und diese zu konstruieren (Verallgemeinerung) - haben uns in der Entwicklungsgeschichte sehr geholfen, uns schnell und möglichst erfolgreich anzupassen.

Da sie automatisch, ohne unser bewusstes Dazutun ablaufen, bergen sie aber auch Gefahren: Bestimmte Einstellungen und Glaubenssätze, die vielleicht auf nur einer einzigen früheren negativen Erfahrung beruhen, können Menschen in ihrem Leben und Lernen einschränken. Wenn jemand beispielsweise von sich glaubt, kein „Sprachenmensch” zu sein, wird sich diese Prophezeiung selbst erfüllen - und er wird Mühe haben, eine Fremdsprache zu erlernen. Unterstützende Glaubenssätze können dem Lernen hingegen Flügel verleihen.

Faktor 5: Vorwissen

Lerner sind keine „unbeschriebenen Blätter”, sondern kommen mit ihrer persönlichen Landkarte der Welt, ihrem Wissen und ihren Erfahrungen in das Seminar (oder den E-Learning-Kurs oder in das Gespräch mit dem Ausbilder etc.). Sie versuchen automatisch, Neues mit ihrem bisherigen Wissen zu verbinden und interpretieren neue Informationen und Sinneserfahrungen durch den Filter ihrer bestehenden Kenntnisse, Einstellungen und Vorannahmen.

Faktor 6: Eigene Erfahrung ist Trumpf

Etwas lesen, gesagt und gezeigt zu bekommen ist eine Sache. Etwas selbst erleben, erarbeiten und herausfinden ist etwas anderes. Wir lernen deutlich besser und schneller und behalten wesentlich länger, wenn wir eigene, lebendige Erfahrungen machen und diese reflektieren können.

Lernen ist ein selbstorganisierter und ganz individueller „Konstruktionsprozess“. Man kann nicht Wissen vom Lehrenden zum Lerner transferrieren oder „eintrichtern“. Der Lerner muss das Gelernte mit seinen persönlichen Erfahrungen verbinden, dem Neuen Sinn und Bedeutung geben und in seine „Landkarte“ der Welt in eigener Regie einarbeiten. In diesem Prozess werden naturgemäß Fehler auftreten, die eine wichtige Rückmeldung für den Lerner sind.

Faktor 7: Tiefes Verstehen

Das Auswendiglernen und Behalten von einzelnen Informationen, um das Wissen reproduzieren zu können, ist wohl die populärste Lernstrategie, weil genau diese Art von Wissen in den klassischen Prüfungen abgefragt wird. Dieses Oberflächenlernen führt dann auch zu einem „oberflächlichem” Behalten, zu einem nicht zusammenhängenden, fragmentierten Wissen, das aber bald aus dem Gedächtnis verschwindet.

Tiefenlernen hingegen sichert das Verstehen von Konzepten und die praktische Anwendung auf lange Sicht und ist nachhaltig. Hier verbindet der Lerner das Neue mit Bekanntem, versteht die tieferen Zusammenhänge, arbeitet Ähnlichkeiten und Unterschiede zu anderen Theorien oder Modellen heraus, fokussiert auf die praktischen Anwendung und kreiiert Neues.

Die tiefste Form des Lernens erfolgt, wenn bei dem Lerner ein innerer Paradigmenwechsel stattfindet, wenn er Dinge grundlegend anders sieht und beurteilt, wenn es ihn zu einem „anderen Menschen“ macht (Saulus-Paulus). Transformatives Lernen hat nicht nur etwas mit Wissen und Können, mit Fähigkeiten und Fertigkeiten zu tun, sondern berührt die Ebene des Glaubens, der Einstellung, der Werte, der Identität und auch manchmal die der Zugehörigkeit. In jedem Fall geht es um persönliches Wachstum und qualitative Veränderung.

Faktor 8: Menschen lernen unterschiedlich

Menschen sehen nicht nur anders aus oder haben einen unterschiedlichen Geschmack. Sie haben auch andere Vorlieben beim Lernen. Manche Menschen sind sehr glücklich, wenn sie einen Vortrag hören. Andere lesen lieber, schauen sich Bilder und Grafiken an. Und einige verstehen oder be-„greifen” besser, wenn sie „es” ausprobieren, anfassen, praktisch erfahren können. Es gibt eine Vielzahl von Lernpräferenzen und „processing styles”, die sich darauf beziehen, wie Informationen aufgenommen werden.

Unterschiedlich ist auch, was Menschen aufnehmen und behalten, was sie lernen. Wir alle haben unterschiedliche Erfahrungen und ein anderes Vorwissen. Deshalb erkennen Menschen nicht gleich alles Neue, sondern das, was für sie Sinn macht, was sie kennen, was ihnen fehlt und was sie in ihrem nächsten Entwicklungs-/Erkenntnisschritt gebrauchen können.

Faktor 9: Soziales Lernen

Es ist das natürlichste in der Welt: Wir lernen in Gruppen. Wir lernen von anderen Menschen. Wir lernen von ihnen, weil sie etwas Erstrebenswertes tun (Modelllernen), weil sie uns Rückmeldung geben, und wir etwas über unsere Wirkung erfahren (Feedback), weil wir in Gesprächen eine andere Sichtweise und „Landkarte” der Welt erfahren und so unser Denken und unseren Horizont erweitern und weil wir beim Entdecken und Austauschen gemeinsam auf neue Erkenntnisse kommen (sozialer Konstruktivismus).

Und wir Erwachsene belohnen uns für das Miteinanderlernen selbst, weil bei Kooperation mit anderen Menschen das Motivations- und Belohnungszentrum im Gehirn aktiviert wird.

Faktor 10: Unterschiede Wissen & Können

Wir lernen unsere Muttersprache, ohne die Grammatik zu kennen. Und so ist es mit fast allem, das wir gelernt haben: Wir wissen es nicht, aber wir können es. Im Vergleich zwischen Wissen und Können, landet das Wissen klar auf dem zweiten Platz.

Sich Wissen anzueignen, geht in der Regel schnell und sprunghaft und wird bei gelegentlicher Wiederholung oder häufiger Anwendung gut behalten. Können hingegen entwickelt sich langsam und stetig und erfordert viel Übung. Das gilt sowohl für Verhaltenänderungen, wie für praktische Fähigkeiten (ein Instrument spielen, schreinern etc.).


Spannend ist es nicht nur, diese Faktoren weiter zu erforschen, zu vertiefen und zu ergänzen. Spannend ist auch die Frage: Und was bedeutet das jetzt für das „Lehren”? Und genau dazu komme ich später in künftigen Blogs!

Für heute herzliche Grüße aus Atlanta,
Ihr Roland Böttcher